Heute sind wir ein wenig früher aufgestanden um zum Cruz del Condor zu fahren, einem Aussichtspunkt hoch über dem Colca-Canyon, um den Flug der Condore zu beobachten, die unter Ausnutzung der Thermik und ohne einen einzigen Flügelschlag eine halbe Stunde lang in der Luft segeln können. Mit einer Flügelspannweite von über drei Meter können diese Aasfresser eine Höhe von 7.000 m erreichen. Deshalb ist der Vogel in fast allen altperuanischen Kulturen, so auch in der Inka-Mythologie, der Vermittler zwischen Himmel und Erde.

Wir in Europa assoziieren mit dem Kondor vor allem das Lied von Simon & Garfunkel „El Cóndor Pasa“, zumeist nicht wissend, dass Daniel Robles bereits 1913 aufgrund eines älteren peruanischen Volksliedes die Melodie komponierte und der Text des Stückes die sozialen Missstände denen die Minenarbeiter ausgesetzt waren, anklagte. In einer Art Fürbitte wird der Kondor angerufen, der einen Betroffenen mitnehmen solle ins Reich der Inka nach Macchu Picchu.

Simon & Garfunkel übernahmen die Melodie, dichteten einen neuen Text dazu und schufen somit einen Welthit.

Wir hatten Glück, heute waren die Kondore geneigt sich zu zeigen.

Genug der Darbietung, die etwa eine 3/4 Stunde dauerte. Danach waren die Aasfresser wieder spurlos verschwunden und wir fuhren weiter.

Flamingos bevölkerten die Lagunen im Schutzgebiet Salinas y Aguada Blanca.

In der Gegend gibt es einige Minen, die von multinationalen Konzernen ausgebeutet werden. Peru ist mit 100 t Gold pro Jahr Weltmarktführer und an zweiter Stelle bei Silber, Kupfer und Zink. Immer wieder setzen sich die Bergarbeiter gegen die zugemuteten Arbeitsbedingungen zur Wehr, zumeist chancenlos. Jahr für Jahr sterben Arbeiter aufgrund mangelnder oder fehlender Sicherheitseinrichtungen. Zuletzt 2022 38 Minenarbeiter und 2023 in Yanaquihua 27.

80.000 Menschen sind formal beschäftigt. 60.000 von ihnen sind Leiharbeiter, sogenannte subcontratados. Dazu kommen noch 40.000 Menschen, die im informellen Kleinbergbau tätig sind. Das sind Familienbetriebe, die einfach irgendwo drauf los schürfen. Die Leute nutzen ein Stück Land, fördern Gesteins- und Bodenmaterial und bereiten es auf. Steine werden gemahlen und um das Gold zu gewinnen, wird das Mahlgut mit Quecksilber versetzt, mit dem sich dann das Gold verbindet. Es gibt in der Regel keine Sicherheitsmaßnahmen. Mitunter wird die Arbeit sogar innerhalb eines Haus vollzogen. Ganze Familien werden so kontaminiert, weil oft wird diese Arbeit von den Frauen und Kindern gemacht in 14- bis 16-Stundentagen, ohne Wochenendpause, denn Zeit ist Geld. 5 bis 8 US-Dollar kann ein Arbeiter so am Tag erwirtschaften, selbstverständlich ohne Kranken- oder Pensionsversicherung. Für ein würdiges Leben der Familien reicht das nicht.

Ein anderes Modell der Ausbeutung funktioniert so: Die Arbeiter arbeiten an 29 bzw. 30 Tagen des Monats gratis für den Konzern, am letzten Tag des Monats können sie das geförderte Gold des Tages behalten. Wird an dem Tag nichts gefunden: Pech.

La Rinconada ist so ein Goldgräberort und der gewalttätigste Ort des Landes. Innerhalb eines Jahres finden dort im Schnitt 53 Morde pro 100.000 Einwohnern statt. Auf Wien umgerechnet wären das 2.113/Jahr. Die Lebenserwartung liegt bei 35 Jahren.

Immer wieder, wenn wir auf Reisen sind, wird uns vor Augen geführt, wie gut es uns in Europa geht und auf wessen Kosten wir leben. Und trotzdem regen wir uns auf, wenn unsere Regierung hin und wieder ein paar Millionen an Notunterstützung einem Land zukommen lässt. Für 2026 beträgt Österreichs Budget für Auslandskatastrophen (wie zuletzt z.B. Nepal…) 35 Millionen Euro was für viele unzumutbar hoch ist. Bei 9,216.000 Einwohnern belastet das jeden Einwohner mit € 3,80. Das ist weniger, als in den meisten Gaststätten für ein Krügel Bier bezahlt wird…

Bevor ich mich noch in Rage denken konnte, kamen wir rechtzeitig zum Abendessen in Puno auf 3.800 m am Titicacasee an.

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