Heute ging es mit einem Boot hinaus auf den Titicacasee, dem höchstgelegenen beschiffbaren See der Erde.

Der See wird aus 27 Flüssen gespeist und reicht bis zu einer Tiefe von 280 Metern. Zirka 50 Inseln schwimmen darauf, mit einer großen biologischen und kulturellen Vielfalt, die durch ein Naturreservat geschützt wird. Der See hat eine Größe die 16 mal der des Bodensees entspricht und gehört zu 60% zu Peru, 40% zu Bolivien.

Einer sehr alten Sage nach gab es früher hier ein sehr fruchtbares Tal und in ihm lebte eine Gemeinschaft in Frieden und Harmonie, beschützt von den Göttern der Berge. Nur eine Sache, der Aufstieg auf die Gipfel der Berge, wurde ihnen von den Göttern verboten, denn dort brannte das heilige Feuer. Doch auch der Teufel mischte sich unter die Gemeinschaft und er begann Unruhe zu stiften. Er forderte die Bewohner auf, ihren Mut zu beweisen und das heilige Feuer zu suchen. Einige Männer waren neugierig, kletterten auf die Berge und verärgerten dadurch die Götter. Diese schickten tausende Pumas um die Menschen zu töten. Der Sonnengott Inti war so traurig, dass er zu weinen begann und das ganze Tal mit seinen Tränen überflutete. Die Menschen wurden von den Pumas getötet oder ertranken. Alle, bis auf einen Mann und eine Frau, die sich auf ein Boot retten konnten. Auch die Pumas überlebten nicht und wurden in Steinfiguren verwandelt, die Inseln im See bildeten. Deshalb wird der See „See der steinernen Pumas“ (Titi=Puma, Caca=Felsen) genannt. Betrachtet man eine Weltraumaufnahme des Sees, dann erkennt man mit einiger Fantasie tatsächlich die Form eines jagenden Pumas.
Die Uros, ein Stamm im Westen des Sees (offensichtlich Nachfahren dieser beiden Menschen von der Entstehungsgeschichte des Sees) überdauerte sogar die Herrschaft der Inka. Einer weiteren Sage nach weigerten die Uros sich, die geforderten Wohnrechts-Steuern der Inkas zu zahlen und hatten deshalb die geniale Idee, schwimmende Inseln inmitten des Titicacasees und damit außerhalb des geografischen Herrschaftsgebietes der Inka zu errichten. Dies gelang ihnen mit Hilfe von Schilf, das innen hohl ist und deshalb auf dem Wasser treibt.

Wir wurden bei unserer Ankunft auf einer der Inseln bereits neugierig und freundlich begrüßt.

Dann erklärte man uns, wie so eine Insel gebaut wird. Zuerst sticht man am Ufer Schilfwürfel mit Wurzeln aus dem Boden aus, ca. 50x50x50 cm. Diese lässt man trocknen, danach bindet man diese Würfel mittels Schnüren zu einem Verbund zusammen. Die Schilfwurzeln wachsen wieder und verbinden die Würfel zu einer festen Masse. Der weitere Aufbau erfolgt durch kreuzförmiges Aufeinanderlegen von Schilfgräsern bis zu zwei Metern Länge. Da die unteren Gräser mit der Zeit zu faulen beginnen, muss immer wieder neues Schilf draufgelegt werden. Die Inseln werden mittels Anker im Seeboden gegen Abtrift befestigt. Können jedoch jederzeit wieder gelöst und woanders verankert werden. Auf so einer Insel lebt in der Regel eine Großfamilie.

Auch Kochen ist auf so einer Schilfinsel kein Problem, wenn man vorsichtig ist. Sollte einmal etwas passieren, ist ja rundum genug Wasser zum Löschen da.
Auch ihre Häuser und Boote stellen die Uros auf diese Weise her. Noch immer leben etwa 2.000 Nachfahren des Stammes am Titicacasee auf den Schilfgrasinseln.
Wenn man weiß, wo die gemeinsame Ecke von vier Schilfinseln ist, kann man auch obigen Trickvorführen. Der Holzstab kommt durch das Schilf mittels Auftrieb wieder nach oben.

Das weiße Ende des Schilfs wird geschält und der Kern auch gegessen.

Ansonst ernährt man sich vom Fischfang, von Enteneiern oder Enten die man auf Vorrat trocknet und danach eine Suppe damit kocht oder aber von Lebensmitteln vom Festland, die man gegen Handwerksarbeiten eintauscht.





Natürlich sind auch wir Touristen willkommen in diesem lebenden Museum, weil wir immer etwas einkaufen oder uns mit einem Papyrusboot herumrudern lassen.

Der Aufbau des Bootes besteht aus Schilfrohr. Im Rumpf sind noch leere Plastikflaschen verbaut um den Auftrieb zu erhöhen und stellen somit eine neue Art des Recycling dar. Außen herum gibt es nochmals eine Kunststoffhaut, damit die Boote nicht so schnell verrotten.

Wir nahmen wieder Abschied von den Uros und fuhren mit dem Motorboot weiter zu einer Festlandinsel. Da die Fahrt mehr als eine Stunde dauerte und man nicht viel mehr sah als Wasser, möchte ich euch auch eine neuere Erzählung von den Schilfinseln nicht vorenthalten:

Da in Peru über Jahrzehnte Bildung als Privileg der Reichen angenommen wurde und die Regierungen Bildungsausgaben als Belastung der Staatskasse und nicht als Investition für die Zukunft sahen, liegt das System trotz einiger Verbesserungen noch weitestgehend im Argen. Die Schülerzahlen steigen, die Lehrergehälter sinken. Wer es sich irgendwie leisten kann, schickt seine Kinder in Privatschulen. Doch deren Qualität ist ebenso zweifelhaft, wenn nicht gar zum Verzweifeln, denn natürlich sind die Privatschulen auf Gewinnmaximierung aus und der Staat schiebt die Verantwortung für die Schulgebäude weitestgehend auf das Lehrpersonal ab.
Auf Tipuri, einer schwimmenden Insel im Titicacasee hat nun eine Pädagogin die Initiative ergriffen und mittels eingesammelter Spenden einen Kindergarten erbaut. Jeden Tag holt sie die Kinder mittels einem kleinen Boot von den umliegenden Inseln ab und wenn ihr Lehrerinnengehalt nicht fürs Benzin reicht, dann rudert sie. Das wäre mal eine Initiative die eine Auszeichnung verdienen würde.

Endlich kamen wir auf der Insel Taquile an. Sie misst 5,5 x 1,6 km. Wir legten am Steg an, stiegen aus und kletterten einen steilen Hang hinauf. Ich habe schon geschildert, wie es ist, wenn man versucht schneller zu gehen in dieser Höhe. Man pfeift sprichwörtlich aus dem letzten Loch.

Die Einheimischen sind da schon viel trainierter. Da es kein Auto, kein Moped oder sonstiger tierischer Hilfsmittel zum Tragen ihrer Waren gibt, schleppen sie alles den Berg hinauf und das zumeist in einem Tempo, das wir auf der Geraden schaffen.
Auf halber Höhe gab es ein Restaurant, indem wir ein ausgezeichnetes Mittagessen bekamen und danach eine Vorführung der Handwerkskunst.

Das Erstaunliche: Auf der Insel stricken die Männer. Zumeist sind es bunte Hauben. Seit 2005 gehört diese Arbeit der Männer zum UNESCO-Weltkulturerbe, weil es einzigartig ist auf der Welt. Immer, wenn Männer eine Pause machen, holen sie ihr Strickzeug raus und arbeiten. Die so erzeugten Hauben sind sehr, sehr engmaschig gestrickt und fein.

Auch eine Naturseife wurde uns gezeigt, die ganz einfach herzustellen ist. Eine Pflanze (fragt mich bitte nicht welche) wird in einem Mörser verrieben und mit ein wenig Wasser vermengt und wieder verrieben, bis sich kleine Bläschen bilden. Darin wird dann beispielsweise Schafwolle direkt nach der Schur eingetunkt und gegeneinander gerieben. Nach einigen Minuten kann die Wolle wieder in sauberem Wasser ausgewaschen werden, weil sie strahlend weiß ist. Fewa-Wolle auf peruanisch.

Auch die zweite Hälfte des Berges schafften wir unter Schnaufen bis zum Hauptplatz. Dort fand eine Wahlveranstaltung statt, weil in einer Woche Gemeinderats- und Regionswahlen stattfanden. Ein willkommenes Fest für die Leute, da sonst keine große Abwechslung geboten wird.

Ein fast leeres kleines Kirchlein…

fast, denn diesem Mädchen war es draußen zu wild,

denn die Buben rangelten herum.

In einem Gemeinschaftsraum wurden die Handwerkswaren ausgestellt, die auf der Insel erzeugt wurden.

Nachdem wir alles gesehen hatten, was es zu sehen gab, machten wir uns an den Abstieg, der weitaus besser als der Aufstieg gelang…

…und fuhren wieder mit unserem Boot nach Puna zurück.



